
Karina Lehmann, Leiterin Programme und Advocacy, sieht den humanitären Sektor vor einer Zeitenwende – und Menschenleben in Gefahr.
Durch den Stopp eines Großteils der US-Auslandshilfe mussten internationale humanitäre Organisationen, darunter auch Aktion gegen den Hunger, die Arbeit an mehreren Projekten einstellen – mit verheerenden Auswirkungen für Menschen in Not weltweit. Aktion gegen den Hunger rechnet derzeit mit bis zu 120 Millionen Dollar weniger als geplant für die internationale Arbeit. Davon betroffen sind etwa 50 Programme unter anderem in Ländern wie Haiti, Äthiopien, Madagaskar und Afghanistan.
Karina Lehmann, Leiterin Programme und Advocacy bei Aktion gegen den Hunger, erklärt die Folgen der Mittelkürzungen und wie sich der humanitäre Sektor anpassen muss, um weiter lebensrettende Hilfe leisten zu können.
Der Stopp von USAID war ein großer Schock
Aktion gegen den Hunger: Hat man im humanitären Sektor das Ende der Förderung von USAID schon erahnen können?
Karina Lehmann: Der Stopp war ein großer Schock für den gesamten Sektor. Kaum jemand hatte vorausgesehen, dass die Maßnahmen der neuen US-Administration so plötzlich und so weitreichend sein würden. Die 90-tägige Suspendierung der USAID [United States Agency for International Development, Anm. d. Red.], die zunächst in einer Executive Order angeordnet wurde, führt dazu, dass laufende Projekte von heute auf morgen abgebrochen werden müssen. Selbst wenn nach 90 Tagen alles wieder so weiterginge, wird schon irreparabler Schaden eingetreten sein, etwa wo die Versorgung mit medizinischer Nahrung zur Bekämpfung von Unter- und Mangelernährung unterbrochen wurde oder Mitarbeitende entlassen werden mussten.
Wenn eine Akteurin ausfällt, hat das einen Dominoeffekt für alle anderen. Die Auswirkungen sind verheerend für die Menschen vor Ort.
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So langsam befreien wir uns aus der Schockstarre. Wir haben die Zeit genutzt, um uns einen Überblick zu verschaffen, was das konkret bedeutet. Es geht ja nicht nur um Projekte, die von USAID direkt gefördert werden, sondern auch um Kofinanzierungen, denn nicht immer können Projekte zu hundert Prozent von einem Geber finanziert werden. Viele Akteurinnen hängen auch voneinander ab: Zum Beispiel stellen die Vereinten Nationen den humanitären Flugdienst, ohne den Organisationen wie Aktion gegen den Hunger einige schwer zugängliche Regionen gar nicht erreichen könnten. Wenn dann eine Akteurin ausfällt, hat das einen Dominoeffekt für alle anderen. Die Auswirkungen sind verheerend für die Menschen vor Ort.
Das heißt also, es ist nicht nur so, dass Gelder aus den USA direkt in die Projekte fließen, sondern es gibt ein ganzes weltweites Netzwerk, das davon betroffen ist?
Genau, es ist ein komplexes Geflecht, in dem alles mit allem zusammenhängt. Es hört ja auch nicht auf bei USAID, auch die Zahlungen an die Vereinten Nationen und ihre Programmorganisationen wie UNHCR, UNICEF und viele andere werden reduziert, aus der Weltgesundheitsorganisation WHO sind die USA ausgetreten. Auch in Deutschland markieren die geplante Kürzung des Etats des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung um eine weitere Milliarde Euro auf 10,3 Milliarden Euro und die Kürzung der humanitären Hilfe im Etat des Auswärtigen Amtes um mehr als 50 Prozent im vorläufigen Haushaltsentwurf einen traurigen Politikwechsel.
Es steht sehr viel mehr auf dem Spiel als ein paar Milliarden Dollar
Es steht zu befürchten, dass hier ein Trend in Gang gesetzt wird unter den bisher größten Gebern von humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Dem müssen wir etwas entgegensetzen – auf europäischer und auf nationaler Ebene. Als Zivilgesellschaft müssen wir solidarisch bleiben mit Menschen, die überwiegend unverschuldet in Not geraten sind, unter Kriegen, Krisen und der Klimakrise leiden, kurz: unter Katastrophen, die über sie hereinbrechen, ohne dass sie sich dagegen wehren können.
Für mich steht sehr viel mehr auf dem Spiel als die vielen Projekte oder ein paar Milliarden Dollar. Es geht insgesamt darum, wer wir sein wollen als Gesellschaft, auch in Deutschland. Wenn wir diesen Konsens aufgeben, dass wir international solidarisch sind und dass Humanität Teil unserer gesellschaftlichen DNA ist, dann könnte das auch auf das soziale Miteinander in Deutschland Auswirkungen haben.
Ich glaube, dass – unabhängig von der Frage, ob und in welchem Umfang USAID weiterbestehen wird – der ganze Sektor der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit vor großen Veränderungen steht und wir uns neu erfinden werden müssen.
Was könnten denn Entwicklungsschritte sein? Wenn wir uns neu denken müssen, geht es ja nicht nur darum, wo wir alternativ Gelder herkriegen, sondern um ganze Strukturen.
Die weltweit meisten Mittel für Hilfe vor Ort stammen von Privatpersonen, die Überweisungen an ihre Familien in der Heimat senden. In 2023 waren es insgesamt 656 Milliarden Dollar, das ist fast dreimal so viel wie aus öffentlichen Mitteln. Da müssen wir uns als Sektor kritisch hinterfragen, warum diese Menschen sich bisher eher dagegen entscheiden, das Geld an uns zu spenden: weil sie vermutlich ihren eigenen Verwandten, Freunden, Communities vor Ort mehr zutrauen. Ich sehe eine große Chance, jetzt endlich die Lokalisierung der Hilfe voranzutreiben, also noch konsequenter gemeinsam mit den Menschen vor Ort passgenaue und bedarfsorientierte Lösungen zu entwickeln.
Es gibt eine große Bereitschaft zur Solidarität
Andererseits zeigt mir das, dass es trotz allem eine große Bereitschaft zu Solidarität gibt, nicht nur in der Diaspora-Gemeinschaft, sondern auch unter Menschen, die vielleicht keinen Bezug zu Ländern des Globalen Südens oder anderen von Krieg und Krisen betroffenen Ländern haben. Das sehen wir immer wieder – zum Beispiel gab es nach dem Ausbruch des Ukrainekrieges eine unglaubliche Hilfsbereitschaft. Eine aktuell von uns beauftragte Forsa-Umfrage belegt, dass 77 Prozent der Bürgerinnen und Bürger die Bekämpfung des Hungers weltweit als zentrales Thema deutscher Außenpolitik erachtet. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, an die Menschlichkeit zu appellieren und uns als Zivilgesellschaft zu organisieren.
Wenn immer mehr Regierungen das Nationale in den Vordergrund schieben, natürlich wirtschaftliche Herausforderungen da sind und mehr Geld in Verteidigung investiert werden muss, dann erscheint der Hilfssektor als Luxus, den man sich aktuell eben nicht leisten kann. Das ist aber eine Fehleinschätzung.
Wie können Organisationen wie Aktion gegen den Hunger Vertrauen gewinnen?
Als Aktion gegen den Hunger sensibilisieren wir mit dem Programm “Schulen gegen den Hunger” und dem jährlichen Human Rights Film Festival Berlin eine breite Öffentlichkeit – aber ich denke, wir sollten uns überlegen, ob wir nicht auch das Thema Mangelernährung in Deutschland noch stärker adressieren sollten, denn auch hier gibt es Ernährungsarmut.
Das Recht auf Nahrung gilt für alle
Es gibt Kinder, die aus finanziellen Gründen ohne Frühstück in die Schule gehen und die mangelernährt sind: zu wenig Gemüse, zu wenig Obst, zu wenig qualitativ hochwertiges Essen. Und das hat Einfluss auf ihre Lebensqualität und auf ihre Entwicklungschancen, auf ihre Chancen, ihr volles Potenzial zu entfalten. Und ich glaube, da müssen wir, auch wenn das Maß der Not unterschiedlich ist, universaler werden und sagen: Jedes Kind verdient eine ausgewogene, reichhaltige Ernährung als absolutes Minimum – egal ob es jetzt in Westeuropa, Osteuropa, Asien, Afrika oder im Nahen Osten lebt. Das Recht auf Nahrung gilt für alle.
Außerdem müssen wir uns klarer abgrenzen von politischen Zielen. Die humanitäre Agenda handelt von Menschlichkeit und Solidarität. Eine zunehmende Politisierung und Konditionierung von Hilfe sehen wir als Hilfsorganisation brandgefährlich. Wo der größte humanitäre Bedarf ist, muss geholfen werden.
Für mich nutzen aber die besten Narrative nichts, wenn man nicht auch liefert, also: walk the talk. Das heißt, wir müssen Hunger und Mangelernährung weiter bekämpfen, wie wir das als internationales Netzwerk seit nunmehr 45 Jahren ja auch erfolgreich tun. Und das, glaube ich, ist das beste Argument, das wir haben. Wir sollten fokussiert sein auf unsere Arbeit, auf unser Mandat und das konsistent, stringent und kohärent kommunizieren. In polarisierten Zeiten müssen wir besser unsere Erfolge aufzeigen und kommunizieren, wofür wir stehen.
Das heißt, der Fall von USAID ist ein Präzedenzfall, der jetzt diese Gedanken für deutsche Organisationen anstößt: Wie können wir uns für so einen Fall vorbereiten, dem entgegenwirken?
Total. Der Fall von USAID betrifft uns alle, direkt oder indirekt. Aktion gegen den Hunger in Deutschland bekommt zwar nicht direkt Gelder von der US-amerikanischen Regierung, aber in unserem weltweiten Netzwerk kamen bislang 30 Prozent der Mittel daher. Das heißt, wenn Schwesterorganisationen in Frankreich, Spanien und den USA weniger machen können, dann können wir weniger Menschen sofort und langfristig helfen. Es bricht mir das Herz zu wissen, wie viele Menschen von heute auf morgen plötzlich keine Nahrungsmittel, überlebensnotwendige Medikamente oder sauberes Trinkwasser bekommen werden. Und bereits erzielte Erfolge etwa im Bereich Resilienzförderung, Klimawandelanpassung und Ernährungssicherheit werden zunichte gemacht.
Die Rettung von Menschenleben muss jenseits von Nationalstaaten gedacht werden
Ich sehe es so, dass wir eine wirkliche humanitäre Zeitenwende erleben: Diese Zeit ist jetzt auch eine Chance, dieses ganze System neu zu denken. Es ist, als stünden wir mitten im Sturm – nach dem Sturm wird man vermutlich Teile des Hauses neu aufbauen müssen. Der Anspruch Build back Better gilt dann eben auch für uns.
Wie können wir es dann schaffen, zu vermitteln, dass wir gar nicht in den Auslandshilfen kürzen sollten, sondern im Gegenteil sogar noch mehr geben müssen?
Aus humanitärer Sicht ist das Argument immer: Humanität, Solidarität, Gerechtigkeit. Das klingt manchmal abgedroschen oder aus der Zeit gefallen, aber für mich ist die Frage: Welche Gesellschaft wollen wir sein und in welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Die Rettung von Menschenleben und den Einsatz für soziale Gerechtigkeit müssen wir jenseits von Nationalstaaten denken, auch vor dem Hintergrund der Klimakrise, weil die uns alle betrifft. Die Klimakrise wird nach wie vor in ihren Auswirkungen unterschätzt. Auch die können wir nur als globale Gesellschaft lösen.
Wie blickst du persönlich auf die aktuelle Krise im humanitären Sektor?
Solidarität ist ein Ausdruck von einem Menschenbild, das im Sinne der Charta der Vereinten Nationen uns alle als frei und gleich an Rechten sieht. Und das Minimumrecht ist das Recht auf Nahrung. Eine Welt, in der sich mehr Menschen gut und gesund ernähren können, ist eine friedlichere.
Das Anliegen von Aktion gegen den Hunger ist unpolitisch und nachvollziehbar: Jede*r sieht ein, dass wir alle essen müssen. Jede*r braucht medizinische Grundversorgung. Was in der aktuellen Krise hilft, ist, seinen inneren Kompass zu haben. Unser Nordstern sind die humanitären Prinzipien: Humanität, Neutralität, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit.
Wir müssen vor die Lage kommen
In Zukunft brauchen wir nicht weniger Prinzipientreue, sondern mehr. Wenn wir neutral sind und Humanität in den Vordergrund stellen, dann sind wir auch gefeit vor Anfeindungen und sprechfähig, wenn berechtigte Kritik geäußert wird.
Und wie geht es jetzt weiter?
Im Prinzip muss man die Lage angehen wie eine akute Krisensituation. Gleichzeitig muss man sehen: Das wird ein Marathon und kein Sprint. Und wir müssen doppelgleisig fahren: Einerseits müssen wir unsere Aufgaben, die wir ohnehin vorhatten, konsequent verfolgen und umsetzen – also die Projekte, die weiterlaufen. Gleichzeitig müssen wir versuchen, vor die Lage zu kommen. Das ist das Wichtigste in der Krise. Denn es wird nicht mehr so werden wie es war – so viel ist sicher. Deshalb müssen wir jetzt überlegen: Wo wollen wir denn in einem Jahr, wo in fünf und in zehn Jahren stehen und wie kommen wir dahin? Ich bin zuversichtlich, dass wir die aktuelle Krise nutzen können, um uns neu aufzustellen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort auch in Zukunft gute Arbeit zu leisten.
Das wird, glaube ich, ein dorniger Weg. Gleichzeitig haben wir jetzt die historische Chance, den Systemwandel in unserem Sektor aktiv mitzugestalten. Diese Herausforderung verantwortungsvoll zu meistern, finde ich sehr reizvoll.